Dein Lieferwagen, das unbekannte Wesen....

  • Liebe DKWler,

    seit Jahren sammle ich "DKWensia", und so vieles ist zusammen gekommen, dass ich überlege, einfach mal eine Serie von Beiträgen zu schreiben über DKW-Dinge die mich interessieren, wenn es zuviel ist, sagt Bescheid. Letzten Freitag habe ich über meinen kleinen Fund einer Griffledose mit Schnell-laster berichtet, heute geht es um ein Lieblingsthema von mir, die Vorkriegslieferwagen, die durch ihre schiere Nichtexistenz heute zu wilden Blüten und Spekulationen führen.

    Was bewegt mich bei dem Thema. Zunächst einmal nicht das Garagengold, dafür bin ich ungeeignet, ich habe alle Autos mit deutlichem Verlust verkauft, und machmal auch verschenkt, sondern Oldtimerlust gepaart mit Interesse an der Kulturgeschichte und dem Leben. Es ist auch kein Götzendienst am Goldenen Kalb der Patina, sondern reine Freude an dem, wie das Leben eben so ist und uns und unseren Autos mitspielt. Ich liebe sie. Brot- und Butter Autos der 30er bis 50er Jahre. Natürlich mag ich auch die stolzen Schönheiten, Reisecoupes, Sonderkarosserien, chromschwelgende Träume. Jeder empfindet Anerkennung für die Schönheit des Designs, aber nicht immer ist es Schönheit, die einen auch dann noch begleitet, wenn der eigene Lack ab ist. Im Leben nicht, und in der Autoliebhaberei auch nicht. Wenn Du aber nach einem langen Arbeitstag in die Garage gehst, dann stehen da die wahren Freunde. Keine kapriziösen Eitelkeiten, sondern Kumpel. Kumpel die noch fahren, wenn nicht mehr alle Zylinder laufen, die auch mit den Schrammen des Lebens zurechtkommen, und die eine Geschichte ihres Lebens erzählen. Wie ich schon einmal schrieb: sie haben es am Rahmen, dafür habe ich es am Rücken. Der Scheinwerfer ist blind, bei mir kommt auch die Altersweitsichtigkeit. Nicht immer laufen die Motoren rund, bei mir ist die Kraft der Jugend auch vorbei. Während bei ihnen das Öl tropft, ist es bei mir zum Glück nur manchmal die Nase, wenn die Garage in den Wintermodus geht.

    Oldtimerfreunde sind gesellige Menschen, manchmal ernst, oft große Kinder, die im Sandkasten den 50er Jahre Pontons aus Kunststoff durch die Welt gefahren haben, und heute verzückt vor jedem Haufen Blech stehen, den wohlmeinende Freundinnen und Freunde als Kernschrott definieren, beste Ehefrauen von Allen als "Projekt mit Verkaufspotential" sehen, und man selbst eigentlich als nahezu unberührte Idealverkörperung eines längst gehegten Traums betrachtet. Also genau so wie mein F5-Reichsklasse-Hühnerstall, mit dem meine Lieferwagenkarriere begann:


    Wie reden wir uns unsere Projekte schön: "Zugegeben, der Motor ist fest, der Zylinderkopf fehlt (ich kenne da einen Motorbauer, alles keine große Sache, Öl ist die halbe Arbeit...), die Fahrgestellnummer und das Typenschild fehlen, dafür ist aber auch der Brief weg, und zwar schon seit den frühen 40ern (kein Problem, da gibt es die Ätzmethode nach Fry oder Wazau...). Der Lack braucht eine pflegende Hand, "TLC" wie die Briten es liebevoll nennen, da aber noch diverse Rostlöcher kurz eben zu schließen sind (kein Auftrag, die paar Stellen...) muss es sowieso neu lackiert werden (richtig in Kunstharz nicht dieser Wassermist...). Die von Motten zerfressene Wollinnenausstattung beeindruckt durch ihre Fragmente originaler Hahnentrittpolsterung (so soll er dann mal werden wenn er fertig ist...), die Bremsen sind fest und die Achsen verrottet (ist es nicht beruhigend, das er nicht weg rollen kann wenn ich zum Reparieren drunter liege...), Achsmanschetten sind steinhart und zerbröselt (toll, dass es noch die originalen Gummiteile als Muster gibt, um Repros in Uruguay anzufertigen...) " usw. und so fort.

    So war es immer in meinem Leben. Gefahren habe ich stets nur alte Autos, aber der erste unter dem "Oldtimeraspekt" gekaufte Wagen erblickte nie das Licht der Straße, es war ein Eigenbau. Die Karosserie war zwar da mit Typenschild und Brief, aber der dazugehörige Rahmen fuhr als Replikamilitärfahrzeug in Chemnitz, offiziell zugelassen. Geliebte und hoffnungslose Wegbegleiter wie der Renault NN-Bausatz von 1925, und der 4PS Opel von 1927 gingen mit den gleichen Argumenten mit denen ich sie für mich gerettet hatte an Oldtimerfreunde, die sie mit den gleichen Argumenten noch immer unverändert in ihren Scheunen verwahren. Eine fahrende Kreissäge von 1934 mit freistehendem (und -drehendem...) Sägeblatt von 70cm Durchmesser fand vollkommen unverständlich das Wohlwollen des TÜVs nicht, und manch ein DKW flog mir zu, und nie wieder weg, weil er so flügellahm ist. Kernschrott, Garagengold? Nein. es waren und sind Autos die mit allen 4 Rädern im Leben standen, und diese Geschichten stolz erzählten. Der Eigenbau, ein Nachkriegsprodukt aus gefundenen Resten, elegant eine Adler-Karosserie auf Heckmotorantrieb umgebaut, sie lief bis in die 90er, und hat ihren Besitzer ernährt, dann wurde sie geschlachtet, der Kübelwagenboden war zu wertvoll geworden im Garagengoldwahn, und ich konnte nur die Reste erwerben, eine kulturgeschichtliche Schande sondergleichen. Der Renault, ein Umbau als Bäckereiwagen. Vorne der müde Chef, hinten die junge französische Schönheit, die frisches Brot verkaufte, in guten wie in bösen Zeiten. Die Kreissäge? Ein Denkmal technischen Erfindungsreichtums, die ihren Besitzer fast 50 Jahre lang ernährte, und dann in den Ruhestand kam und geplündert wurde, zu wichtig war der 1-Zylinder Deutz-Verdampfer. Oft habe ich mit ihr in der Garage von der Zeit geträumt, als sie in den Wald fuhr, Holz machen, und ihr Fahrer nach getaner erster Schicht mit ihr frühstückte. Er mit Bier und Kartoffelsalat, selbst gemacht natürlich, und sie mit Schmieröl, Benzin (fürs Auto), Diesel (für den Deutz) und Wasser. Zusammen haben wir dann auch ein (alkoholfreies) Bier getrunken, d.h. ich habe getrunken, und sie hat gemütlich den nachgerüsteten Deutz gezündet, ein Schlag nach dem Anderen. und die DKWs? Davon erzähle ich in den nächste Wochen.


    Wann habt Ihr den letzten DKW Lieferwagen gesehen? ich kann mich zumindest in freier Wildbahn nicht dran erinnern. Zwar kennen die meisten den Traumwagen im Horchmuseum in Zwickau, aber fahrend? Ebay kleinanzeigen und mobile halten Verlockungen bereit, aber bei genauem Hinschauen wird es schwierig, entweder sind es IFA F8 mit Holzleistenkarosserie, oder umgestrickte DKWs, deren eindeutig interessante Karosserie leider keinen Bezug zu den Werkskarosserien haben. Dabei gab es sie. Für IFA sind wunderbare Abbildungen der "Schindelwagen" im Buch von Christian Suhr "Von Hornig bis zur IFA, 100 Jahre Karosseriebau Meerane" enthalten. Überlebt haben nur eine Handvoll, fast alle die heute irgendwo ihr Dasein fristen sind Umbauten der begabten Karosseriebauer und Holzwürmer, wie es sie in den 50er und 60ern überall gab. Auf DKW-Seite sieht es noch vile schlechter aus. Zwar nutze manch einer die Möglichkeit der Auto Union, seine mürbe Karosserie des F7 oder F8, die den Krieg überstanden hatten umzurüsten, so wie es angeboten wurde:


    aber im Zuge des Nackriegswohlstand wurden sie dann verschrottet. Heute sind diese Karosserien an Seltenheit kaum zu überbieten, preislich dümpeln sie zwischen geschenkt und einem Kasten Bier (nun, meine hat 2 Kisten gekostet)... Dabei hatte es so gut angefangen. Der Bedarf an Transportfahrzeugen war gross, sei es in Form des KleinLKW als Pritsche, als Gerätewagen oder eben als geschlossener Kombinationswagen, auch die Sanitätsfahrzeuge müssen hierzu gerechnet werden. Und bei Auto Union war es nicht nur DKW, die mit dem F5, F7 und F8 Lieferwagen anboten, sondern auch Wanderer W23 und Wanderer W24 gab es als Lieferwagen, ich wünschte, ich könnte je in meinem Leben einen davon finden.

    1936 begann es mit dem F5, kräftig beworben in den Medien der Zeit ( es gibt wunderschöne Kinodias davon), wurden sehr wenige Stabholzaufbauten werksseitig gefertigt, die Linie der Vernunft war aber der Kastenwagen mit Kunstlederbespannung, so wie wir ihn (als F7) aus der Historischen Fahrzeugsammlung der AUDI AG im Horch-Museum kennen. Vor Jahren konnte ich eine Serie niederländischer Fotos erwerben, die vermutlich von einem Karosseriebauer stammten, und wunderbare F5 Fahrzeuge zeigen:


    Noch vielfältiger ist die F7 Serie:


    Die Innenkonstruktionen sind so unterschiedlich wie die Zwecke der Transporte, hierzu in einem späteren Beitrag mehr.

    Der F8 war das ungeliebte Entlein, DKW schielte schon auf den F9, war aber noch nicht so weit. Der F8 ist der Wanderer zwischen den Welten, Ovalrahmen, aber 2-zylinder 700ccm Motor und Holzkarosse. Und dann: Was für ein Erfolg, nicht nur, weil viele im Nachkriegsdeutschland und der DDR in Form des IFA F8 weiterlebten, oder als DKW-IFA F8 Mischwesen bis heute daher kommen, nein, der Erfolg war der schrecklichen Kriegssituation geschuldet, als die Pläne des F9 begraben werden mussten, und dann erst nach dem Krieg zunächst als F89 und dann als F91 bzw. IFA F9 wieder auflebten. Ebenso übrigens wie die dann gebauten Stadtwagen, die heute zu den allergrößten PKW-Seltenheiten gehören, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

    Das Interesse am Lieferwagen wuchs. Waren es beim F5 knapp 800, wurden vom F7 schon gut 2000 gebaut. Der F8 übertraf sie aber alle, nicht zuletzt, weil er sowohl im Export, als auch für die Reichspost das Auto der Wahl wurde, fast 7000 Lieferwagen wurden gebaut. Wo sie alle sind?

    Hier zum Abschluss das Bild eines F8 Lieferwagens aus dem Leben gegriffen, ganz so, wie ich diesen Beitrag eingeleitet habe, ein Brot- und Butterauto. Mehr braucht es nicht.


    Ein gutes Wochenende Euch, Volker